Die hier vorgestellten ausgewählten Gedichte von Jan Twardowski stammen aus den Jahren 1950-1997 und sie sind auf der Seite mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht worden.

    Die deutschen Übertragungen von Gedichten von Jan Twardowski erschienen im Auswahlband:
    Jan Twardowski, (1998) Gott fleht um Liebe, Krakow- Wydawnictwo Literackie
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    GERECHTIGKEIT

    Für Prof. Anna Swiderkowna

    Wenn alle je vier Äpfel hätten
    wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß
    wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe
    wenn jeder dasselbe hätte
    dann brauchte keiner den anderen

    Ich danke Dir, dass Deine Gerechtigkeit Ungleichheit ist
    was ich habe und was ich nicht habe
    sogar wofür es keine Abnehmer gibt
    all das kann doch jemand nötig sein
    es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt
    es ist dunkel, damit die Sterne leuchten
    es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung
    wir beten, weil andere nicht beten
    wir glauben, weil andere nicht glauben
    wir sterben für die, die nicht sterben wollen
    wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist
    ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt...
    ungleiche brauchen einander
    sie verstehen am besten, dass alle auf alle angewiesen sind
    und ahnen das Ganze

    Übertragen von Alfred Loepfe

    wersja oryginalna


    BEEILEN WIR UNS

    Für Anna Kamienska

    Beeilen wir uns die menschen zu lieben sie gehn so schnell
    von ihnen bleiben schuhe und ein taubes telefon
    nur was unwichtig ist schleppt sich wie eine kuh
    das wichtigste ist so hastig dass es plötzlich geschieht
    danach stille gewöhnlich also schier unerträglich
    wie die reinheit schlichtestes kind der verzweiflung
    wenn wir an jemanden denken und ohne ihn bleiben

    Sei nicht sicher dass du zeit hast denn unsichere sicherheit
    nimmt uns das gespür so wie jedes glück
    gleichzeitig kommt wie pathos und humor
    wie zwei leidenschaften immer schwächer sind als die eine
    sie gehn so schnell von hier schweigen wie die drossel im juli
    wie ein etwas ungestalter ton oder ein trockener gruß
    um wirklich zu wissen schließen sie die augen
    obwohl es riskanter ist geboren zu werden als zu sterben
    lieben wir immer aufs neue zu wenig und ständig zu spät

    Schreib nicht zu oft davon schreib ein für allemal
    und du wirst sein wie ein delphin sanft und stark

    Beeilen wir uns die menschen zu lieben sie gehn so schnell
    und die die nicht gehn kommen nicht immer zurück
    und nie ist es klar wenn man von liebe spricht
    ist es die erste die letzte erste

    Übertragen von Ursula Kiermeier

    wersja oryginalna


    GOTT

    Du Gott den ich nicht sehe
    und den ich einst schaue
    dann komme ich arbeitslos
    reihe mich in die Schlange
    und bitte Dich um Liebe wie um eine schwere Arbeit

    Übertragen von Karl Dedecius

    wersja oryginalna


    UNGLÜCK UN-UNGLÜCK

    Es gibt ein Lächeln das in der Verzweiflung wohnt
    denn wenn du zu schwarz siehst, dann lohnt
    dir manchmal Drosselgesang deine Not
    –nach deiner verwundeten Liebe lechzt Gott wie nach Brot
    Unglück Un-Unglück ist das Glück abhanden
    gibt´s das Lächeln das sich sogar auf Friedhöfen verbirgt
    es lebt wer seligen Angedenkens stirbt
    auch wenn du ihn nicht siehst er kommt zurück
    setzt sich an den Tisch liest knipst die Lampe an
    manchmal in Hausschuhn um uns nicht zu wecken
    nur der Tod bringt die Menschen den Menschen näher:
    nichts Ungwöhnliches so ist es genau
    vom Himmel herab sehnt man sich stets heimlich
    und wenn den Kaninchen Gänsedisteln pflückte vor dem Tau
    die Tante mit dem Bargeld bei sich behielte
    das Lächeln betet ganz einfach manchmal-mein Gott ohne
    Liebe bleibt es nicht, auch wenn sie verschwindet
    die sich lieben die leiden auch wenn sie sich verbinden
    das Lächeln kann auch lächeln mit Zitrone

    du klagst die Welt sei wie ein ungenießbarer Pilz zuwider,
    es huscht doch immer ein unsichtbares Lächeln darüber

    Übertragen von Karl Dedecius

    wersja oryginalna


    ICH HATTE ANGST

    Ich hatte Angst die Augen lassen nach-ich werde nicht lesen können
    verliere das Gedächtnis-kann nicht schreiben
    ich bebte wie ein vom Winde geschaukelter Stall

    -Gott vergelt‘s Herr Gott dass mir die Pfote gereicht hat
    der Hund der keine Bücher liest und keine Gedichte schreibt

    Übertragen von Karl Dedecius

    wersja oryginalna


    WENN DU SAGST

    Für Aleksandra Iwanowska

    Weine nicht im Brief
    schreib nicht das Schicksal hätte dir einen Tritt versetzt
    es gibt auf Erden keine Situationen ohne Ausweg
    wenn Gott die Tür schließt-öffnet er ein Fenster

    erhol dich schau hin
    von den Wolken fallen
    kleine große Unglücksfälle nötig für das Glück
    und lerne die Ruhe von den gewöhnlichen Dingen
    und vergiß dass du bist wenn du sagst ich liebe

    Übertragen von Karl Dedecius

    wersja oryginalna


    GROSSER KLEINER

    Man sucht großen Glauben wenn die Verzweiflung groß ist
    sucht Heilige die ganz bestimmt wissen
    wie weit man von seinem Körper abweichen kann

    du aber hast Berge versetzt
    bist übers Meer gegangen
    auch wenn du zu Gläubigen geredet hast
    weiß ich so vieles noch nicht

    Glaube, ganz klein

    Übertragen von Rudolf Bohren

    wersja oryginalna


    ***

    Ich danke Dir einfach dafür, dass Du bist
    dafür, dass Du in unseren Köpfen nicht Platz hast, denn sie sind zu logisch
    dafür, dass Dich auch unsere Herzen nicht fassen, denn sie sind zu nervös
    dafür, dass Du so nahe bist und so fern und in allem anders
    dafür, dass Du schon entdeckt bist und noch unentdeckt
    dass wir flüchten von Dir-zu Dir
    dafür, dass wir nichts tun für Dich, aber alles dank Dir
    dafür, dass, was ich nicht begreifen kann, dennoch nie eine Illusion ist
    dafür, dass Du schweigst. Nur wir belesene Analphabeten
    sind schnatterde Gänse

    Übertragen von Alfred Lopfe

    wersja oryginalna


    ZUR GEFÄLLIGEN KENNTNISNAHME

    Ich bin nicht gekommen, um Sie zu bekehren
    übrigens sind mir alle gescheiten Argumente verflogen
    aller glänzender Zierat ist längst von mir abgefallen
    ich bin wie ein Held in verlangsamtem Tempo
    Ich werde Ihnen kein Loch in den Bauch reden,
    Sie nicht fragen ‘‘was halten Sie von Merton‘‘
    ich werde in der Diskussion nicht aufspringen wie ein Puter
    mit dem roten Läppchen auf der Nase
    auch nicht einherstolzieren wie ein Enterich im Oktober
    keine Tränen fordern, die sich zu allem bekennen
    Ihnen nicht die heilige Theologie ins Ohr gießen löffelweis

    Ich werde mich einfach neben Sie setzen
    und Ihnen mein Geheimnis anvertrauen:
    dasss ich, ein Priester,
    Gott glaube wie ein Kind

    Übertragen von Alred Loepfe

    wersja oryginalna

 
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Redaktor: Elżbieta Rajczak
INTERNET für BEHINDERTE - IdN1
28-02-01 (jm)