Szymborska, Wislawa, (1998), Hundert Gedichte-Hundert Freuden,
    Ausgewählt, übertragen und mit einem Nachwort von Karl Dedecius,
    Krakow-Wydawnictwo Literackie
    http://www.wl.interkom.pl


    WERBEPROSPEKT

    Ich bin die Beruhigungstablette.
    Ich wirke zu Hause,
    bin erfolgreich im Amt
    setze mich zum Examen,
    stelle mich der Verhandlung,
    klebe exakt die zerschlagenen Krüge zusammen.
    Nimm mich nur ein,
    laß mich unter der Zunge zergehen,
    schluck mich nur runter,
    spüle mit Wasser nach.

    Ich weiß, wie dem Unglück begegnen,
    die schlechte Nachricht ertragen,
    die Ungerechtigkeit mindern,
    das Nichtvorhandensein Gottes erklären,
    den kleidsamen Trauerhut wählen.
    Was wartest du noch-
    vertraue dem chemischen Mitleid.


    Noch bist du jung,
    du solltest dich irgendwie einrichten.
    Wer hat gesagt,
    man müsse das Leben tapfer durchleben?

    Gib deinen Abgrund her-
    ich polstere ihn mit Schlaf,
    du wirst mir dankbar sein
    für die vier Pfoten des Fallens.
    Verkaufe mir deine Seele:
    Ein anderer Käufer findet sich nicht.

    Ein anderer Teufel auch nicht.

    wersja oryginalna



    ICH BEDENKE DIE WELT

    Ich bedenke die Welt, Ausgabe zwei,
    Ausgabe zwei, verbessert,
    den Idioten zum Spott,
    den Grüblern zum Heulen,
    den Kahlen für den Kamm,
    den Hunden für die Katz.

    Kapiteln eins:
    Die Sprache der Pflanzen und Tiere,
    wo wir für jede Gattung
    entsprechenden Wortschatz führen.
    Sogar das einfache Guten Tag,
    gewechselt mit einem Fisch,
    stärkt uns, den Fisch und alle
    im Leben.

    Dieser längst geahnte,
    plötzlich in der Wirklichkeit der Wörter
    improvisierte Wald!
    Diese Epik der Eulen!
    Diese Aphorismen eines Igels,
    ersonnen, wenn
    wir überzeugt sind,
    daß er pennt.

    Die Zeit (Kapitel zwei)
    hat das Recht, sich einzumischen
    in alles, ob gut oder böse.
    Aber jene ---die Berge zerbricht,
    Ozeane versetzt, das Sternenlicht
    kreisend begleitet,
    hat nicht die gerigste Gewalt
    über das Liebespaar, das allzu unbekleidet,
    weil allzu umarmt, mit gesträubter
    Seele, wie mit einem Spatzen auf Schulter.

    Das Alter ist nur die Moral
    im Leben eines Kriminellen.
    Ach, jung sind doch alle Braven.
    Das Leid (Kapitel drei)
    kann unseren Körper nicht entstellen.
    Der Tod kommt, wenn wir schlafen.

    Und träumen werden wir,
    daß Stille ohne Atem
    keine schlechte Musik ist;
    wir sind klein wie ein Funke und nackt
    und erlöschen im Takt.

    Nur so ist der Tod. Wer
    eine Rose in der Hand hhält, leidet mehr,
    und größeres Entsetzen empfand,
    wer sah, daß das Blatt fiel in den Sand.

    Nur so ist die Welt. Nur so, denk einmal nach,
    leben wir. Und sterben nur soviel.
    Alles andere ist---wie Bach,
    vorübergehend gespielt
    auf einer Säge.

    wersja oryginalna


    DAS SCHREIBEN EINES LEBENSLAUFS

    Was ist zu tun?
    Ein Antrag ist einzureichen,
    dazu ein Lebenslauf.

    Ungeachtet der Länge des Lebens
    hat der Lebenslauf kurz zu sein.

    Geboten sind Bündigkeit und eine Auswahl von Fakten.
    Die Landschaften sind durch Anschriften zu ersetzen,
    labile Erinnerungen durch konstante Daten.

    Von allen Lieben genügt die eheliche,
    nur die geborenen Kinfffder zählen.

    Wichtig ist, wer dich kennt, nicht, wen du kennst.
    Reisen, nur die ins Ausland.
    Zugehörig wozu, aber ohne weshalb.
    Preise, ohne wofür.

    Schreibe, als hättest du niemals mit dir gesprochen
    und dich von weitem gemieden.

    Umgehe mit Schweigen Hunde, Katzen und Vögel,
    den Erinnerungskleinkram, Freunde und Träume.

    Es gilt der Preis, nicht der Wert,
    der Titel, nicht dessen Inhalt,
    die Schuhgröße, nicht wo
    der Mensch, für den man dich hält, hingeht.

    Dazu eine Fotografie mit entblößtem Ohr.
    Wichtig ist seine Form, nicht, was es hört.
    Was es hört.
    Das Knirschen des Papierwolfs.

    wersja oryginalna



    DAS ENDE EINES JAHRHUNDERTS


    Es hatte besser sein sollen als die vergangenen,
    unser 20. Jahrhundert.
    Ihm bleibt keine Zeit mehr, das zu beweisen,
    gezählt sind die Jahre,
    der Schritt schwankt,
    der Atem geht kurz.

    Zu viel ist geschehen,
    was nicht hat geschehen sollen,
    und was hat kommen sollen,
    kam leider nicht.

    Es ging auf den Frühling zu, hieß es,
    und, unter anderem, aufs Glück.

    Die Angst hatte Berge und Täler verlassen sollen,
    die Wahrheit schneller am Ziel
    sein als alle Lügen.

    Einige Unglücksfalle
    sollten nicht mehr geschehen,
    zum Beispiel Krieg,
    Hunger und so.

    Die Wehrlosigkeit der Wehrlosen,
    das Vertrauen und so weiter
    sollten Achtung genießen.

    Wer sich an der Welt hat freuen wollen,
    steht vor der Aufgabe,
    die nicht zu erfüllen ist.

    Die Dummheit ist gar nicht zum Lachen,
    die Klugheit ist gar nicht lustig.

    Die Hoffnung
    ist nicht mehr das junge Mädchen
    etcetera, cetera, leider.

    Gott sollte endlich glauben dürfen
    an einen Menschen, der gut ist und stark,
    aber der Gute und Starke
    sind immer noch zweierlei Menschen.

    Wie leben?---fragte im Brief
    mich jemand, den ich dasselbe
    hab Fragen wollen.

    Weiter und so wie immer,
    wie oben zu sehn,
    es gibt keine Fragen, die dringlicher wären
    als die naiven.

wersja oryginalna
 
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Redaktor: Elżbieta Rajczak
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28-02-01 (jm)